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0450 Uhr, der Wecker klingelt. Total verschlafen krieche ich aus dem Bett. Geht's noch? Schon wieder Morgen? Ich habe mich doch eben erst hingelegt!! Die Welt ist gemein!

Ein Auge noch verklebt, das andere immerhin schon halb offen, Haare zerzaust und die Gesichtszüge zerknautscht, will ich ins Bad, um zu retten, was noch zu… Autsch!!! Was zum Henker… Schon liege ich ausgestreckt im Korridor, das Staubsauer-Stromkabel, über das ich gestolpert bin, noch um die Füsse gewickelt.

Mein Gesicht brennt, der Unterarm auch und die Knie tun weh. Ich rapple mich auf, taste mich vorsichtig zum nächsten Lichtschalter und finde dann den Weg ins Bad doch noch. Nach einem ersten Blick in den Spiegel wird die Morgenrenovation heute wohl etwas grösser ausfallen. Auf den zweiten Blick ist es dann doch nicht so schlimm, das Knie sieht soweit gut aus, wird wohl ein bisschen blau werden. Die Schürfungen im Gesicht und am Unterarm kann ich beim Duschen gleich mit Wasser abwaschen, gross Dreck sollte zwar nicht in der Wunde sein, ich hatte ja gestern noch gestaubsaugt, aber sicher ist sicher. Desinfizieren, ein Gel-Pflaster drüber und mit einem Netzverband (Mefix ist leider alle) fixieren. Wenigstens am Arm, im Gesicht sähe es sicher etwas doof aus. Ich werde heute die Haare einfach mal nach vorne fönen.

So, und weil man nie grummlig ins Büro gehen sollte (steht im grossen Sekretärinnen-Handbuch), werde ich nun erst einmal ausgiebig und gemütlich frühstücken. Ich humple in die Küche, setze gleich einen ganzen Krug Kaffee auf und während das Wasser durchläuft, fange ich an, frische Früchte für mein Munter-macher-Müsli zu schnippseln. Ananas, Bananen, Äpfel, Trauben, Fingerbeeren… Uiuiui hat das geblutet! Ist aber gut so, schliesslich werden so die Reste der anderen Früchte, welche durch das Messer in meine Wunde gekommen sind, schön ausgespült. Danach Blutstillung und ein bilderbuchmässig zugeschnittenes Schmetterlingspflaster drauf. Zuerst die mittleren Flügel ankleben, dann die oberen nach unten und dann die unteren nach oben, ihr wisst schon…

Nun aber zurück zum Kaffee. Der ist mittlerweile durchgelaufen und dampft im Krug schön heiss vor sich hin. Jetzt kann's los gehen mit Frühstück. Krug, Müsli, Besteck in der einen Hand, Joghurt, Brot und Butter in der andern bzw. unter den Arm geklemmt und die neuste Ausgabe der Samariterzeitung zwischen den Zähnen mache ich mich auf den Weg zum Esstisch. Wo ich leider nicht ankommen werde, weil… habe ich erwähnt, dass ich eine Katze habe?

Ich finde mich auf dem Esszimmerboden wieder. Um mich herum eine riesige Sauerei. Mein bisher noch unversehrter Arm schmerzt nun auch und es geht einen Moment, bis ich realisiere, dass ich mir die ganze Kanne Kaffee darüber geschüttet habe. So schlimm scheint es aber nicht zu sein, der Arm ist ein bisschen gerötet. Und als ob ich nicht schon genug durchgemacht hätte für heute, habe ich auch noch Joghurt und Müesli in den Haaren!

Mittlerweile ist es 0700 Uhr geworden und ich rufe kurz im Büro an um mitzuteilen, dass ich etwas später komme. Dann hole ich "Schüfeli und Beseli" und mache mich an die Arbeit. Meinen brennenden Arm ignoriere ich einfach, für den habe ich jetzt wirklich keine Zeit. Ich bemerke drum auch nicht, dass sich langsam kleine Blasen darauf bilden, die je länger je grösser werden. Erst da fällt mir wieder ein, was Mami uns früher immer eingeschärft hat: "Wänn di verbrännsch, muesch chüelä, chüelä, chüelä und nomal chüelä". Warum habe ich nicht eher daran gedacht? Vielleicht kann ich noch etwas Schadensbegrenzung machen, indem ich jetzt noch kühle. Ich merke aber schnell, dass dies nun nicht mehr viel bringt. Habe ich nicht irgendwo im Apothekerschrank noch ein Brandwundenspray? Natürlich, eine nette Dame in einer Drogerie hat mir kürzlich mal ein Müsterli in die Hand gedrückt. Aaaaaaaaaah… tut das gut. Hilft zwar nicht gegen die Blasen, nimmt aber den Schmerz und kühlt schön nach.

Mittlerweile haben sich die Blasen auf meinem Unterarm ganz schön ausgebreitet und ich frage mich: soll ich damit zum Arzt? Ach was, zwei Handflächen gross hin oder her, das wird schon wieder. Und ich habe wirklich keine Zeit.

Das mit dem Frühstück wird nun nichts mehr und ehrlich gesagt, ist mir der Appetit sowieso gehörig vergangen. Ich werde mich nun fertig machen und zur Arbeit gehen. Ich trete auf die Strasse hinaus und denke noch bei mir: fehlt nur, dass mich jetzt noch einer anschiesst! Und während ich so vor mich hin grinse, kommt Nachbar's Riesenhund zähnefletschend um die Ecke direkt auf mich zu gerannt… Tja, nun gehe ich doch zum Arzt! Irgendwie ist heute nicht mein Tag…

Sandra Bänninger